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Othmar F. C. Hofer: "AUTOMATENSEELEN" (Kurzgeschichte)

Hierbei handelt es sich um eine Kurzgeschichte, die beim Kurzgeschichtenwettbewerb der AniNite 2023 eingereicht wurde. Der Text stammt direkt von dem/der Autor:in und wurde vom Verlag nicht verändert. Das Thema des Wettbewerbs lautete "Zum Glück war dort ein Getränkeautomat".

Viel Spaß beim Lesen!

 
Text: Othmar Felix Christian Hofer
Genre: Slice of Life
Triggerwarnung: Gewalt; Alkoholkonsum; Schimpfworte; Psyche

Automatenseelen


Die Luft in dem Vernehmungszimmer war stickig. Auf der gelblichen Gesichtshaut des Alten standen Schweißperlen und seine Zunge klebte wie ein ausgetrockneter Wettex nutzlos am Gaumen. Er hätte jetzt gern ein Bier getrunken, doch seine Tasche hatte der Alte leider zurücklassen müssen. Dort am Bahnhof konnten seine Freunde wenigstens drauf aufpassen oder hatten sie vielleicht gerade in diesem Moment zu viel zu tun? Ein gekünsteltes Räuspern von der anderen Seite des am Boden festgeschraubten Tisches riss den Kauz aus seinen besorgten Grübeleien. „Also Herr…“ – der Polizist hielt inne, um in den auf der mattglänzenden Platte ausgebreiteten Papieren zu kramen. Nach einigen Sekunden der vergeblichen Suche hob er wieder den nachtschichtigen Blick und fuhr fort: „Also was ist da genau passiert?“ Sein Gegenüber sah den Uniformträger leise an, schluckte laut hörbar, sog Luft unter dem zerzausten Schnauzbart ein. „Meine Runde hab ich gemacht; die Üblichen besucht.“ „Na und dann?!“ tönte es leicht enerviert zurück. „Na ich geh so dahin, denk an nix Böses und auf einmal seh ich, wie dieser Schuft auf den lieben Asimov einhaut!“ „Auf wen?“ „Förmlich müsst ich ja sagen: Nr. 02011920, aber so ein Spitzname ist doch viel netter!“ „Aha“ Langsam begann Irritation den müde-genervten Ausdruck im Polizeigesicht zu ersetzen. Dies bemerkend beeilte sich der Alte, fortzufahren: „Ich spring natürlich dazu und leiste Not-… äh … Notwehr!“ Der junge Beamte stutzte: „Sie meinen «Nothilfe» oder?“ „Genau“ bestätigte der Kauz, ob der Schützenhilfe beim Formulieren zufrieden nickend. „Weil da wer den Besitz von der Firma beschädigt hat?“ Der Alte kniff die geweiteten, stahlblauen Augen wieder zusammen. Kurzes Zögern. „Ja, genau…“ Der Polizist mit den müden, aber an sich noch unverbrauchten Augen fuhr sich über den kurzgeschorenen Kopf. Nun begann auch er zu schwitzen in dieser verdammten Schwüle. Auf seiner Route durch die Innenstadt hatte er den Alten schon mehrmals gemächlich mit seiner unverkennbaren roten Umhängetasche herumwandern gesehen. Manchmal gutgelaunt und wie ein kleiner Bub vor sich hinkichernd, manchmal mit sorgenvoll verzogenem Faltengesicht. Dabei hatte der alte Kauz, genauso wie heute, zwar abgetragene, aber dafür saubere Kleider am Leib, deren muffiger Geruch nach Mottenkugeln und altem Öl lediglich etwas in der Nase stach. Das grüne Sakko und die abgewetzten blauen Hosen mit Bügelfalte ließen sogar noch so etwas wie die Eleganz lang vergangener Zeiten erahnen. Einer von den gewöhnlichen Kunden aus dem Bahnhofsviertel war der kauzige Alte jedenfalls nicht.

„Haben Sie einmal für die Firma mit den Automaten gearbeitet oder warum haben Sie sich so aufgeregt?“ fragte der Beamte. „Nein, das wäre zu schön gewesen! Ich war lang in einem großen Werk tätig. Bin dann aber schließlich ausrangiert worden. Kann es denen nicht verdenken. Ein Typ aus Japan macht jetzt nämlich in minutenschnelle, wofür ich den ganzen Tag gebraucht hätte. Wirklich wunderbares Land, wo die Menschen ihre wahren Freunde und Helfer noch wertschätzen!“ Spöttisch lächelnd ließ sich der Polizist durch den Kopf gehen, dass er wenigstens den kurzen Rest seiner Schicht hier im Schatten verbringen könnte, wenn er den Alten noch etwas daherreden ließ und erst später ein kurzes Protokoll anfertigte. Analog zu

diesem Gedankengang erkundigte sich der Dienstbeflissene in unschuldigem Ton: „Sie haben einen ganz schönen Narren an den Blechkasteln gefressen, nicht wahr?“ Die Antwort des Alten erfolgte unerwartet heftig: „Ich verbitte mir eine solche Ausdrucksweise gegenüber…“ Sich seiner gegenwärtigen Situation und der Lautstärke seiner Stimme gewahr werdend, fuhr er in versöhnlichem Ton fort: „Bitte entschuldigen Sie, es ist nur… Die meisten Menschen gehen durch die Welt und achten einander nicht viel. Das ist durchaus verständlich. Doch leider schauen sie auch nicht auf die Wunder, die sie umgeben und für sie sorgen!“ Der Beamte verwunderte sich nicht wenig über den kleinen Wutausbruch von eben und fühlte sich an eine Zeit lange vor seiner Uniform erinnert. Ehe er sich versah, ließ er die Zügel der Konversation aus den Händen gleiten und stieß verdutzt hervor: „Sie meinen die Natur?“ Wieder kam etwas Feuer in den kauzigen Alten: „Ach, reden Sie doch bitte keinen Unsinn! Was kann denn die Natur noch für uns tun?! Ich spreche von Maschinen, von denen die allerausgereiftesten und feinsten ja doch die Automaten sind!“ „Was hat das mit…“ Der Maschinenfreund fiel seinem überrumpelten Gegenüber ins Wort: „Alles, alles hat damit zu tun! Zumindest im übertragenen Sinne. Schau her: So wie es verschiedene Schläge von Menschen gibt – alle letztendlich auf die eine oder andere Art ekelhaft – so existieren auch lauter verschiedene Arten von Automaten. Alle verschieden, doch ungleich den Menschen samt und sonders der Allgemeinheit auf selbstlose Weise dienend. Jede und jeder nach ihrer Fasson. Der werte Asimov zum Beispiel steht den ganzen Tag vorm Bahnhof und verteilt den Inhalt seines kalten Herzens an Durstige. Bei Schnee und Eis, Hitze und Staub. Selbstlos bemüht er sich um das leibliche Wohlergehen der Leute – ein wahrer Getränkeautomat eben! Auch wenn Asimov leider kein Bier anbieten kann, gehört er zu der edelmütigsten unter den automatischen Völkerschaften. Und wie wird ihm das alles gedankt? Mit Prügel!“

Der Zuhörer stieß bei den letzten Worten seines mit einem Mal sehr eloquenten Delinquenten ein leises, langgezogenes Ächzen aus. Für seine erst relativ kurze Dienstzeit hatte er sich seinem Geschmack nach schon eindeutig zu oft mit Verrückten herumschlagen müssen. Andererseits schien keinerlei Verwirrung in den Worten des Alten zu liegen. In einem Versuch, wieder Herr des Gesprächs zu werden, setzte der Beamte zu einer neuen Frage an: „Und deswegen sind Sie rabiat geworden als der andere Herr auf ihren …“ Er zögerte kurz. „Ihren «Freund» eingeschlagen hat?“ Erfreut darüber, in dem Herrn Polizisten endlich einmal wieder einen interessierten Zuhörer gefunden zu haben, legte der Sonderling von neuem los: „Natürlich gibt es auch weitaus weniger freundliche Blechgenossen und so mancher verdient durchaus Zurechtweisung. Computer zum Beispiel mögen zwar hochintelligent sein, doch geht dieser Vorteil auch mit einer gewissen Heimtücke und dem Hang zu üblen Streichen einher. Also meiner Meinung nach gehörten diese Elektrosnobs mit ihren konspirativen Machenschaften schon längst auf den ihnen zustehenden Platz verwiesen! Die glauben wirklich, sie seien etwas Besseres, nur weil die Menschen ihnen stundenlang ins hässliche, flache Bildschirmgesicht starren und irgendwelchen Blödsinn eintippen. Selbstredend würde sich kein anständiger Automat jemals freiwillig mit einer solch verdorbenen entfernten Verwandtschaft abgeben.“

Je länger der Alte sprach, desto schwerer wurden dem Polizisten die Lider. Eigentlich hätte die ganze Sache doch einmal zu einem Abschluss gebracht gehört, doch das Sitzen tat wohl nach einer anstrengenden Nacht und die Ausführungen des schnauzbärtigen Onkels von der Straße entfalteten irgendwie eine beruhigende Wirkung. So begnügte sich der Junge mit einem einfachen, schläfrigen Kopfnicken und meinte nur: „Aha“ Der Pensionist fuhr fort:

„Ticketautomaten können zuweilen ebenso etwas unfreundlich wirken, was jedoch meist ihrem Bemühen um schnellstmögliche Abwicklung des Kartenkaufs geschuldet ist. Ohne ihre nüchterne Zweckmäßigkeit würden die gerade noch funktionierenden Reste des öffentlichen Verkehrssystems vollends zusammenbrechen. Wenn nicht viel Betrieb herrscht, können die sonst so strengen Beamten aber sogar regelrecht leutselig werden, vor allem abends. Nichtsdestoweniger trägt ihr oftmals sehr förmliches Verhalten zusammen mit der häufig in ihren Kreisen auftretenden Eigenbrötlerei dazu bei, dass sie bevorzugte Zielscheibe der harmlosen Spötteleien anderer Automaten sind. Spitznamen wie Papierspucker oder Billetbonze sind keine Seltenheit. Für genau solche Späße sind wiederum Kaffeeautomaten geradezu berühmt. Sie wissen ja, wie gern die Leute in der Arbeit beim Kaffee tratschen und schmähführen, was mit der Zeit halt unweigerlich selbst auf den anständigsten Automaten abfärbt. Es geht eigentlich immer lustig zu bei den Kaffeebrüdern, weswegen sie es ab und an auch nicht ganz so ernst mit dem Füllstand der Becher nehmen. Nichts läge diesen wahren Miniaturkaffeehäusern aber ferner, als einen Kunden zu betrügen und gerade Stammgäste können auf zuvorkommenden Service zählen. Ohne sich auf Gedeih und Verderb auf die Launen eines Kellners verlassen zu müssen, kann das Heißgetränk der Wahl spielend leicht geordert werden. Die Kaffeeautomaten stellen mit ihrer Heiterkeit also einen der wenigen Lichtblicke der in Büros, Kliniken und Ämter gezwängten Teile der Menschheit dar. Sofern man es sich nicht mit ihnen verscherzt versteht sich…“

Von der gegenüber liegender Seite des Tisches kam nur noch gelegentlich ein schläfriges Murmeln, doch dem Maschinenfreund machte die Passivität seines neuen Adepten wenig aus. Er fuhr ungebrochen begeistert fort: „Die direkt in der Güterproduktion tätigen Automaten habe ich vorhin schon kurz erwähnt. Sie sind es, die ohne Lohn oder Feiertag rund um die Uhr schuften. Und das alles schweißfrei. Die Aparatschiks hören die Signale der menschlichen Völker, weshalb sie solidarisch und ohne Unterlass die Grundlagen des modernen Massenkonsums aufrechterhalten. Diese Industrieroboter, wie sie auch genannten werden, pflegen dabei zwar raue Sitten im Umgang miteinander, doch verfügen die meisten von ihnen wahrhaft über ein Herz aus Gold. Apropos Edelmetall: Neben den emsigen Blechproletariern braucht es selbstredend noch jemanden, der für die Verteilung der erzeugten Waren sorgt. Jene Verkaufsautomaten bieten wirklich alles, was das schwache Menschenherz begehren kann, von der Zahnpasta bis hin zur gebrauchten Damenunterwäsche. Sogar lokale Lebensmittel lassen sich dank der automatischen Hilfe wunderbar vermarkten, was einem jeder Matagi und Bärenjäger von Akita bis Sapporo ohne Zweifel bestätigen wird. Dabei gehen sie durchdacht vor und versuchen, die Geschäfte so lukrativ wie möglich für ihre menschlichen Anteilseigner zu gestalten. Einige wenige Tauschautomaten bieten in kleinen, rechteckigen Gefäßen sogar den hochgeschätzten Lebenssaft aller höheren Maschinen, den Strom, an. Wegen ihres lockeren Umgangs mit der Vitalitätsquelle stoßen jene Kyberkaufleute aber nicht selten auf Unverständnis unter Ihresgleichen. Die ganze Sippe deswegen als rückdrahtlose Opportunisten anzusehen, ist jedoch übertrieben, da selbst Tauschtomaten gewisse, feste Prinzipien haben. Wenn ihnen nämlich das angebotene Geld nicht schmeckt, werden die Münzen oder Scheine direkt wieder ausgespuckt – da kann sich das Menschlein davor ärgern, wie es will. Im Übrigen wird das generell in der Automatenwelt so gemacht, wobei die einzelnen Exemplare unterschiedlich wählerisch verkabelt sind.“

Der lange Sermon hatte die ohnehin schon ausgedörrte Kehle des Automatenfanaten noch weiter beansprucht, doch ignorierte er das Kratzen im Hals um den Endpunkt seiner Ausführungen mit möglichst überzeugter Stimme hervorzukrächzen: „Aus all dem ist somit leicht zu erkennen, dass es sich bei Automaten um viel mehr als schlichte Arbeitskräfte zur Vereinfachung des täglichen Lebens handelt. Im krassen Unterschied zu uns Menschen widmet sich jeder von ihnen voll und ganz seinem uneigennützigen Dienst an der Allgemeinheit. Im Gegenzug erwarten die Automaten selbst nichts von uns, doch ist es wohl das Mindeste, ihnen mit etwas Respekt zu begegnen!“ Um seinen letzten Worten etwas mehr Gewicht zu verleihen, klopfte der Redner mit seiner geballten Faust auf den Stahltisch vor ihm. Obwohl der Schlag nur leicht ausfiel, reichte er dennoch aus, um den Polizisten aus seinem Dämmerzustand herauszuholen. Müde rieb er sich kurz die Augen. Ein Blick auf seine digitale Armbanduhr verriet ihm, dass er die ganze Chose rund um die nächtliche Schubserei vorm Bahnhof schnell zum Abschluss bringen sollte. Der junge Beamte erhob sich mit den lapidaren Worten: „Bin gleich wieder da.“ und verließ das winzige Zimmer, wobei er mit der betonten Lässigkeit mehr sich selbst als sein Gegenüber davon abzulenken gedachte, dass er kurz die Kontrolle über das Gespräch verloren hatte. Ein kurzer Austausch mit seinem stiernackigen Kollegen zeigte, dass der inzwischen wieder etwas ausgenüchterte Kontrahent des Automatenfreundes schon mit seiner Aussage fertig war. Der Nachtschwärmer sprach lediglich von einer etwas laustarken Meinungsverschiedenheit und wollte sichtlich der unangenehmen Situation so schnell wie möglich entgehen. Da nichts beschädigt sowie niemand wirklich verletzt worden war, würde sich die Staatsanwaltschaft kaum für den Fall interessieren und nur eine kleine Mahnung samt niedriger Geldstrafe aussprechen. Außerdem schien es sich bei dem schnauzbärtigen Pensionisten lediglich um einen harmlosen und durch das Alter schrullig gewordenen Tagträumer zu handeln. Mit diesem Hintergrund im Kopf erstellte der Polizist gemeinsam mit dem in die Schreibstube herbeigeholten Alten zügig ein Protokoll. Als der Kauz das Dokument unterschrieb, schielte er noch einmal skeptisch zum Monitor des Dienst-PCs hinüber und nickte dann dem Uniformträger mit einem schelmischen Zug um die Augen zu. Da ihm auf die schnelle nichts Besseres einfiel, meinte der Beamte zum Abschied: „Passen Sie auf sich auf und geraten Sie nicht noch einmal in solchen Ärger!“ „Das werde ich!“ sagte der Alte und fügte leise hinzu: „Danke!“.

Auf dem Weg nach draußen blieb er kurz im Hauptkorridor vor dem Kaffeeautomaten stehen. Der Junge hielt kurze inne, holte dann eine Münze aus der Hosentasche. Vor der Heimfahrt wäre ein schneller Espresso gegen die Müdigkeit sicher keine schlechte Idee, dachte er sich. Das in den Schlitz geworfene Geldstück rutsche jedoch ohne etwas zu bewirken durch das Innere des Apparats und kam hell klingelnd im Restgeldfach wieder zum Vorschein. Kurz blickte der nun in seinen zivilen Kleidern dastehende Beamte ungläubig auf die Anzeige des Kaffeeautomaten. Dann schmunzelte er kopfschüttelnd, steckte die Münze wieder ein und ging seiner Wege. Der Alte war indes auf der Suche nach seiner Tasche zum Bahnhof zurückgekehrt, konnte seinen Besitz jedoch nicht wiederfinden. Vom Durst und der Anstrengung in der Hitze ausgelaugt setzte er sich auf eine einsame Bank und ließ den getrübten Blick ein letztes Mal herumschweifen. Als er Asimov in seiner Nähe bemerkte, begann der Alte wie ein heimkehrendes Kind zu lachen, erhob sich und ging leicht schwankend in dessen Richtung. Auf Getränkeautomaten ist halt stets Verlass.


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